Der mutierte Flaneur

Auf den ausgedehnten Spaziergängen, mit denen ich meine Schreibphasen unterbreche, kommt mir manchmal die kleine Zeichnung von Paul Gavarni Le Flâneurs (1842) in den Sinn.

Die Geschichte dieser Figur ist eng mit Paris verbunden. Am Vorabend der Französischen Revolution betrat der Flaneur als neuer Großstadttypus die urbane Landschaft und wurde zum kritisch-reflektierenden Beobachter des großstädtischen Alltagslebens. An der Schwelle zur Moderne - zwischen Rückwärtsgewandtheit und Modernisierungsprozess - spiegelte seine Figur die Veränderungen wider, die Industrialisierung und rasant wachsende Städte hervorgebracht hatten. In der aufkommenden Übersichtslosigkeit der modernen Metropole nahm der Flaneur eine Außenseiterposition ein, indem er das langsame und ziellose Umherstreifen zu einem stillen Protestformat erhob. Seine Spaziergänge entwickelten sich zu einer intensiven Wahrnehmungs- und Aneignungspraktik, die Walter Benjamin 1926 dazu veranlasste, von dem „unerschöpflichen Inventar der Straßen“ zu schwärmen (Moskauer Tagebuch, 1926). Im Gegensatz zu den gleichförmig treibenden Massen reflektierte der Flaneur durch seinen bewusst verlangsamten Rhythmus und seine erhöhte Aufmerksamkeit die gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso wie die Rolle des Einzelnen darin.


Und heute? Hat der Flaneur nicht ausgedient, weil die Uniformität der Städte längst kein Terrain mehr bietet für ziellos Umherschweifende? Weil die Linien, die die Städte vorzeichnen, reine Verbindungslinien sind, die ihre Einwohner von A nach B transportieren, aber keine Wege des Verirrens mehr bereithalten, keine staubigen Nischen oder geheimnisvollen Passagen, keine Überraschungen, weil Wege und Verhalten vorgeschrieben sind? In einer städtischen Alltagssituation, die allein von Eilen, Herbeischaffen und Kaufen bestimmt ist, mutiert nicht auch der Flaneur zu einem schlaflosen und identitätslosen Treibgut, das im reißenden Strom der Metropolen aus dem Stadttor gespült wird?


Mehr als 1000 km südwestlich von Paris, in der spanischen Provinz Soria liegt das kleine Dörfchen Momblona - in jeder Hinsicht das Gegenbild zur glitzernden Metropole. Auf den ersten Blick ein Dorf im Todeskampf. Die Hälfte der Häuser eingefallen, in grobe Lehmziegel zerbröckelt, ein Kollaps in Stille und Vergessenheit, seit vor vielen Jahren drohende Verarmung die Bewohner in die Städte trieb (#Gegen die Zeit). Von den fernen Bergketten her fegt der Wind durch die Ruinen, hier und da treibt er vertrocknete Büschel Gras durch die leeren Gassen, vorbei an schiefhängenden Fensterläden und verschlossenen Türen, lautlos, stumm, auch dies Zeugnis einer längst verlorenen Zeit. So scheint es. Doch der erste Eindruck zeigt nur die halbe Wahrheit.


Ein befreundetes Ehepaar aus Madrid hat meine Frau und mich nach Momblona eingeladen. In das Haus seiner Mutter, die wie die meisten anderen inzwischen in der Stadt lebt. Aber unsere Freunde wollen das alte Pueblo nicht aufgeben. Hier haben Tanten und Cousins gelebt, hier sind Kindheits- und Jugenderinnerungen gespeichert, eingebacken in die ockerfarbenen Adobe-Ziegel der Wände, jeder Zentimeter atmet noch den Geist der einst hier Wohnenden.

Sogar eine fahrtüchtige Suzuki Van Van 125 aus den Teenagerjahren unseres Freundes steht für die übliche Wochenend-Spritztour über die staubtrockenen Feldwege rund um das Dorf bereit.

Dank der Großzügigkeit unserer Freunde beziehen wir das schönste Zimmer des Hauses. Unter dem großen Doppelfenster richte ich meinen Schreibplatz ein. Von hier reicht der Blick weit über die Dächer hinaus, über die endlosen Korn- und Sonnenblumenfelder hin zu den sanften Hügeln am Horizont. Eine Schafherde grast irgendwo und soweit das Auge reicht, ist keine weitere menschliche Siedlung zu sehen. Eine einzige Symphonie aus Gelbtönen, Ocker, Umbrabraun und Zinnoberrot.


Meine täglichen Schreibzeiten unterbrechen wir mit ausgedehnten Spaziergängen. Wir streunen zwischen den verfallenen Häusern herum, spähen durch die Ritzen und Risse der Fassaden in verborgene Innenhöfe und halbdunkle Räume und fragen uns welche Hände vor uns diese Türklinke schon berührt haben oder wessen Füße vor uns diese Steinstufen hinaufgestiegen sind. Der altersschwache Turm der romanischen Kirche wurde erst kürzlich notdürftig restauriert. Trotzig und etwas schief, so bilde ich mir ein, wehrt er sich gegen Wind und Zerfall, wir lassen uns treiben von unseren Ahnungen und Fantasien, stoßen auf Vergessenes und Fremdes, folgen am Ortsrand dem Lauf des Baches, er wird schon wissen wohin. Wir sind zu Flaneuren mutiert.


Oft gehen wir schweigend. Doch in unseren abendlichen Gesprächen geht es um unser Leben zuhause in der Stadt, unsere Wünsche, unsere Zukunft. Wir sprechen über alternde Eltern und lang verstorbene Großeltern, über das Vergessen und das Erinnern. Dieses spanische Dorf und die überall sichtbaren Überreste einer einstmals blühenden Kultur, provozieren unseren Widerspruch. Unser innerer Protest richtet sich gegen die scheinbar unabwendbaren Veränderungen der Zeit, gegen die Vernichtung jahrhundertealter Lebensformen und Kulturen und natürlich auch gegen unser eigenes Älterwerden. Wir sprechen aber auch über Menschen, die verrückt genug sind, zurückzukommen und wieder zu aufbauen, die alten Mauern mit neuem Leben zu füllen. Nicht um das Vergangene wiederherzustellen. Aber vielleicht getrieben von der undeutlichen Ahnung, dass zwischen diesen alten Lehmziegeln etwas neu zu entdecken sei, was unserer aktuellen Existenz etwas zu sagen hat.


Marcel Proust schrieb in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (1913):

„So nun, völlig außerhalb von jeder literarischen Absicht und ohne einen Gedanken daran, fühlte ich manchmal meine Aufmerksamkeit plötzlich gefangen von einem Dach, einem Sonnenreflex auf einem Stein, dem Geruch eines Weges, und zwar gewährten sie mir dabei ein spezielles Vergnügen, das wohl daher kam, dass sie aussahen, als hielten sie hinter dem, was ich sah, noch anderes verborgen, das sie mich zu suchen aufforderten und das ich trotz aller Bemühungen nicht zu entdecken vermochte.“

Foto: Laura Gene Wall