RAL 9010

Rein gar nichts half.

Da fing ich an, konsequent weiße Sachen zu sammeln. Es gab ein paar Regeln, die ich aufgestellt hatte. Die Teile mussten von fester Konsistenz sein, durften die Größe eines Nutellaglasdeckels nicht über- und die Fläche eines Kronkorkens nicht unterschreiten. Von einer Dingfamilie durfte nur eines in die Sammlung. Das war gar nicht einfach. Zum Beispiel hatte ich viele wunderschöne weiße Steine gesammelt. Aber nur einer durfte rein. Auch Verschlusskappen eine Menge. Scherben. Plastikfragmente fand ich einige interessante auf der Straße in faszinierenden Formen und subtilen Weißnuancen. Ich begann mir viele neue Fragen über die Farbe Weiß zu stellen. Gibt es reines Weiß? Wie weiß kann Weiß sein? Gibt es weißeres Weiß und weniger Weißes? Ab wann ist etwas nicht mehr weiß? Entstanden Zweifel an der Weißtauglichkeit, musste jemand Außenstehendes das Ding als Weißfarben bezeichnen können.

Meine Sammlung war bereits stattlich. Sie passte gerade eben noch in einen Umzugskarton. Es gab darin bemerkenswerte Fundstücke. Einen zarten Tierknochen in der Form eines Engelflügels. Eine papyrusweiße Klistierspritze aus Gummi, kugelrund mit einer spitz zulaufenden Öffnung von der Sorte, die normalerweise rot war, eine Seltenheit. Dreiviertel einer Vogeleischale, größer als ein Hühnerei, keine Ahnung welcher Vogel. Ein zylinderförmiges Plastikteil mit zwei Ausgüssen, von dem ich lange nicht wusste, zu was es gut sein sollte. Bis ich herausfand, dass es sich um einen Ziege-Schafmelker handelte. Das Ding liebte ich. Es überschritt die Größe eines Nutellaglasdeckels. Ich fand eine Lösung, damit es in der Sammlung bleiben konnte, nämlich indem ich ihn hochkant hinstellte. Von oben gesehen stimmte der Durchmesser, die Regel war also ungebrochen. Eines meiner Lieblingsstücke war eine Mini-Turbine mit kohlweißlingweißen schalenförmigen Windmühlenarmen. Ein zertrümmerter Papierlocher, in dem noch weißes Papierkonfetti feststeckte, lag mir am Herzen. Er konnte nur noch ein Loch ausstanzen. Das zweite Stanzpendant war kaputt. Die Farbe eine Sensation. Perlmuttweiß in allen Schattierungen und Oberflächenarten. Angerautes, abgeschrabbtes, glattes, glänzendes, flaumiges, kaltes, loses und festes Weiß. Alles in einem Ding.

Dieses Sammeln hat mir geholfen, mich fokussiert. Nur die Farbe Weiß hat etwas von ihrer beruhigenden Wirkung eingebüßt. Ich weiß jetzt, dass kein Weiß dem anderen gleicht. Findet man ein weißes Ding, ist es unmöglich, exakt den gleichen Ton noch einmal zu finden. Die Welt des Weiß ist unermesslich groß. Sie kann einen verrückt machen mit ihren vielen Facetten.


Gastbeitrag von Sandra Freygarten aus ihrem unveröffentlichten Roman Signalgrau.



Foto: Laura Gene Wall