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Riss und Möglichkeit

  • vor 7 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Der letzte Eintrag ist lange her. Mehr als ein halbes Jahr. Für die Gesetze und Gepflogenheiten des Blog-Universums eine zu große Zeitstrecke. Dabei gäbe es längst Neues zu berichten. Noch diesen Monat wird ein Erzählband mit dem Titel „Riss und Möglichkeit“ erscheinen.

Nachdenklich wiegt der Autor die kleine, weiße Tasse in seiner Hand. Der Espresso ist so schwarz und ölig, wie er ihn sich erhofft hat - eine perfekte Extraktion der Bohne, gekrönt von einer haselnussbraunen Crema, zu schade zum Umrühren. Bereit für den herben Kick, für die Initialzündung dieses Morgens, atmet er den Duft, dieses erdige Aroma, ein und schreibt diese ersten Zeilen.

„Stopp!“, ruft es da zwischen den Buchstaben hervor. Wie aus dem Nichts grätscht ihm Nick in die Tasten. Mit einer Stimme, viel tiefer und rauer als er sie sich vorgestellt hatte. Nick, der eigentlich Niklas Nesper heißt, und im ersten Roman des Autors „Das gleiche Leben. Nur anders.“ die Hauptrolle spielte. Oder dachte, dass er sie spielen würde. Auch jetzt will er keine Ruhe geben.

„Im Ernst? Schon wieder Kaffee? Nur weil du ohne Koffein nicht funktionieren kannst, hast du mich als Junkie inszeniert! Ich hasse Espresso. Er schmeckt nach verbrannter Erde und schlechtem Gewissen.“

Nick wischt so heftig mit seiner Hand über die ersten Zeilen, dass ein schwarzer Tropfen auf das blütenweiße Papier dieser Seite spritzt.

„Steht doch alles schon in meiner Geschichte. Ich zitiere: Der Espresso ist dunkel und kräftig, ein wenig Touch base mit dem wahren Leben und ein anständiger Start in den Tag. Kannst du nicht auch anders?“

Etwas konsterniert versucht der Autor seinen aufgebrachten Romanhelden mit einem schnellen Satz wieder zur Vernunft zu bringen ... Die Geschichte des Niklas Nesper, 2024 im Adakia-Verlag erschienen, endete nach zweihundertfünfzehn Seiten. Obwohl sich viele Leser.innen eine Fortsetzung wünschten, entschied sich der Autor für ein ganz anderes Abenteuer, für eine literarische Wanderung ohne festes Ziel ...

Da huscht tatsächlich ein Lächeln über das Gesicht seines früheren Helden, und so unerwartet wie er aufgetaucht war, tritt er mit entschlossenen Schritten wieder aus den letzten Zeilen heraus. Aber kurz vor dem Seitenrand, als seine Umrisse bereits an Konturschärfe verlieren, bleibt er noch einmal stehen, blickt auf das unbeschriebene Weiß jenseits der letzten Worte und sagt grinsend über die Schulter hinweg: „Aber lass den verdammten Kaffee weg!“

Kopfschüttelnd, die grobe Ausdrucksweise seines ehemaligen Protagonisten missbilligend, konzentriert sich der Autor nun wieder auf seinen aktuellen Blog-Beitrag. Wie es dazu kam, schon nach eineinhalb Jahren wieder ein Buch zu veröffentlichen, will er schreiben. Und so berichtet er von den Fragmenten, die schon länger in seiner Schublade schmorten, von Einfällen und Textminiaturen, unterwegs notiert, im Flugzeug, in der Bahn, manchmal sogar am Strand. Spuren, die zu verschiedenen Ursprüngen zurückführen und kein gemeinsames Ziel verfolgen.

Oder doch? Sie werfen Fragen auf.

Was geschieht an den Kreuzungspunkten unseres Lebens? Wenn jemand weggeht, oder wenn wir jemandem begegnen. Wenn die Vorhersehbarkeit unseres Lebens plötzlich Risse bekommt und wir den Halt verlieren. Durch eine Berührung, ein Wort oder einen Blick. Treffen wir die richtigen Entscheidungen? Haben wir eine Wahl?

Statt einer weiteren Heldenreise entstanden also zehn Erzählungen, die diesen alles entscheidenden Fragen nachspüren wollen. Geschichten über Sehnsüchte und Verzweiflung, über die Liebe und ihr Scheitern, über unvorhersehbare Risse und ungeahnte Möglichkeiten.

Punkt. Der Autor lehnt sich zurück und blickt auf die weiße Tasse neben sich. Der Espresso ist kalt und dessen Crema hat sich aufgelöst wie eine schwache Metapher. Er lächelt zufrieden.

 

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