There is a crack in everything, that´s how the light gets in
- vor 18 Stunden
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Diese viel zitierte Zeile aus dem Song „Anthem“ von Leonard Cohen steht für die Vorstellung, dass Unvollkommenheiten, Gebrochenheit und Fehler nicht nur Misserfolge sind, sondern wesentliche Wege, auf denen Hoffnung, Wachstum und neue Perspektiven möglich werden können.
Einer ähnlichen Idee folgen die Erzählungen meines neuen Buches „Riss und Möglichkeit“ (Erzählungen, 140 Seiten, Adakia Verlag Leipzig, ISBN 978-3-911472-16-6).
Bei allem, was in unserem Leben kaputtgehen kann, reißen oder zerbrechen kann, wenn jemand weggeht, bei einer Trennung oder einem Todesfall, in Momenten, in denen sich plötzlich Abgründe auftun und wir den Halt verlieren, in all diesen Situationen besteht doch immer auch die Möglichkeit, dass sich etwas ganz unerwartet Neues zeigt, dass Möglichkeiten aufscheinen, die zuvor unsichtbar waren. Durch eine Berührung, ein Wort oder einen Blick, oder wenn wir jemandem begegnen, uns neu verlieben.
Obwohl „Riss“ und „Möglichkeit“ auf den ersten Blick als gegensätzliche Erfahrungen erscheinen mögen, stehen sie doch in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander. Der Riss markiert eine Unterbrechung, einen Bruch im Bestehenden – in unserem Denken, in Beziehungen oder in der Wirklichkeit selbst. Aber gerade durch einen solchen Bruch öffnet sich der Raum der Möglichkeiten. Wo etwas reißt, wird das zuvor Geschlossene durchlässig; das Selbstverständliche verliert seine Stabilität, und in diesem Moment treten Möglichkeiten hervor. Das Leben dreht sich um 180 Grad und Wege tun sich auf, die man zuvor nicht einmal zu denken gewagt hat.
Natürlich sind das sehr fragile, unsichere Augenblicke, und nicht selten machen uns die neuen Möglichkeiten Angst.Aber ohne den Riss hätten wir keinen Anlass über unser Leben nachzudenken und uns weiter zu entwickeln. Möglichkeiten brauchen den Riss, um wirksam zu werden. Erst der Riss zeigt uns, dass es auch anders sein kann. Plötzlich erscheint das eigene Leben nicht mehr als festgelegt, sondern als offen. In diesem Sinne ist der Riss (die Krise oder der Bruch) nicht nur ein Moment der Zerstörung, nicht nur etwas Negatives, das unsere gewohnte Sicherheit unterbricht, sondern zugleich die Bedingung für eine Veränderung. Ohne den Riss wäre Stillstand und unser Leben wäre eine ständige Wiederholung des Gewohnten.
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Von solchen Momenten handeln meine Erzählungen: von den Bruchlinien in unserem Leben.

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