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Hundeelend.eins

46.000 Hunde werden nach Angaben einer Tierrechtsorganisation innerhalb der EU monatlich transportiert. Die meisten kommen aus Osteuropa, oft aus illegalem Handel. Die streunenden Hunde werden auf den Straßen eingefangen, mit Stockhieben und Stromstößen in enge Boxen und manchmal zu zweit in scharfkantige Käfige gezwängt, in denen sie auf den Transporten drei, vier Tage ausharren, bevor die dehydrierten und völlig traumatisierten Hunde in Tierheimen landen oder an neue Besitzer in Deutschland, Großbritannien und in den Niederlanden vermittelt werden. Das Schleusergeschäft floriert.


In seinem autofiktionalen Roman „Yoga“ schildert Emmanuel Carrère die Fluchterfahrungen des jungen Afghanen Atiq. Nach dem Abschied von seiner Familie beginnt Atiqs unfreiwillige Reise auf der Ladefläche eines Pickups, führt ihn dann in einem zweitägigen Fußmarsch und denkbar schlecht ausgerüstet über das Bergland von Kohistan in den Südosten des Iran hinein, nach Saravan, von wo es weitergeht, quer durch das Land mit einem Bus. Eingesperrt in einen erbärmlichen Blechkasten unter dem Gepäckfach des Busses harren Atiq, und mit ihm zusammen acht weitere Flüchtende, auf dem Rücken liegend und ohne Möglichkeit sich zu bewegen, vier Tage nur wenige Zentimeter über der unebenen, holprigen Straße in diesem rollenden Sarg aus, jederzeit in Gefahr entdeckt und erschossen zu werden. Über Teheran führt ihn der von Schleusern organisierte Fluchtweg weiter an die türkische Grenze, wieder mit nächtlichen Märschen ins Gebirge hinein, bis er schließlich von Istanbul aus mit einem Schiff nach Europa gelangt.


Bekannte von uns erfreuen sich seit einem Jahr an den edlen Charaktereigenschaften ihres jungen Königspudels Peggy. Während eines gemeinsamen Abendessens bestimmen die begeisterten Berichte über das großartige Wesen, die Loyalität zur Familie und die Intelligenz der Hündin die Gesprächsinhalte. Voller Hundehalterstolz wird uns sogar das gerahmte Zuchtzertifikat mit den Angaben zu Herkunft und Stammbaum des neuen Familienmitglieds vorgelegt. Wir erfahren, dass Peggy eigentlich Businka von Dassendorf heisst, aus der Schweiz stammt und erstklassige Zuchtlinien aufweisen kann. Auch die Namen Ihrer Hundeeltern klingen imposant: Charlie von Silber-Topas und Dinasysia Lumier von Prada. In einem unbeobachteten Moment mache ich schnell ein Foto von dem Dokument, weil ich mir die Namen sonst nicht merken würde. Zweitausend Schweizer Franken haben unsere Bekannten für das Tier bezahlt und es persönlich beim Züchter abgeholt.


Foto: Laura Gene Wall

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